DABEI-Innovationsklima-Index 2012

Der DABEI-Innovationsklima-Index ist in 2012 wieder in den negativen Bereich gerutscht. Das Innovationsklima ist damit wie bereits in 2010 „bedeckt“ oder „eher trübe“. Bei den Innovationswiderständen gibt es zum letzten Jahr kaum Veränderungen. Die Top 2 sind nach wie vor „kurzfristiges Wirtschaften / Shareholder Value-Gedanke“ und „Besitzstandswahrung / Lobbyismus“. Auch die Innovationsstärken sind fast unverändert. Dieses Ergebnis lässt darauf schließen, dass sich das Innovationsklima eines Landes – anders als die Konjunktur – nur sehr langsam verändert. Umso mehr müssen weiterhin Anstrengungen für ein positives Innovationsklima unternommen werden, damit Deutschland nicht dem „boiled frog“-Syndrom erliegt: Langsame negative Veränderungen im Innovationsklima werden erst wahrgenommen, wenn es zu spät ist – ähnlich einem im Wasser sitzenden Frosch, der nicht merkt, dass das Wasser langsam erhitzt wird, bis es schließlich kocht.
 
 
Vorgehensweise
 
Der DABEI-Innovationsklima-Index beschäftigt sich jedes Jahr mit den Fragen: Welche Innovationswider­stände existieren in Deutschland? Und wie können wir diese Widerstände überwinden, um unser Innovationspotenzial freizusetzen? Zur Ermittlung unserer Ergebnisse haben wir dieses Jahr wieder eine Umfrage durchgeführt. Aufgrund der bisherigen positiven Erfahrungen haben wir für die Umfrage denselben Fragebogen verwendet wie für den DABEI-Innovationsklima-Index 2010 und 2011. Die potenziellen Innovationswiderstände sind dort in die vier Kategorien Gesellschaftliche Widerstände, Politische Widerstände, Unternehmenswiderstände und Individuelle Widerstände gegliedert, die untereinander Interdependenzen aufweisen. Diese Vorgehensweise sichert die Vergleichbarkeit und Durchgängigkeit der Ergebnisse.
 
Den Fragebogen haben wir über die Vereine Deutsche Aktionsgemeinschaft Bildung-Erfindung-Innovation (DABEI) e.V., Deutscher Erfinder-Verband (DEV) e.V. und Gesellschaft für Kreativität e.V. sowie über Industriekontakte der Deckert Management Consultants GmbH und des Werkzeugmaschinenlabors (WZL) der RWTH Aachen verbreitet. Außerdem haben wir eine Online-Befragung im Internet durchgeführt. Dadurch konnten wir wieder über tausend Erfinder und Unternehmer ansprechen, von denen jedoch nur ein Rücklauf von etwa fünfzig Teilnehmern erzielt wurde. Dieser ist im Vergleich zum Vorjahr geringer, was auf ein schwindendes Interesse am Thema hindeutet.
 
 
DABEI-Index 2012
 
Nachdem der DABEI-Index im letzten Jahr leicht gestiegen ist, sackt er dieses Jahr etwas ab und erreicht damit fast wieder das niedrige Niveau aus dem Jahr 2010 (Abb. 1). Im letzten Jahr lag das Innovationsklima im neutralen Bereich und konnte aus meteorologischer Sicht als „heiter bis wolkig“ bezeichnet. Nun ist es wieder in den leicht innovationsfeindlichen Bereich zurückgekehrt – der Meteorologe würde dies als „bedeckt“ oder „eher trübe“ bezeichnen.
 
Dies spiegelt sich auch in der Verteilung der Antworten wider. Während etwa ein Viertel der Studienteilnehmer das Innovationsklima als neutral oder innovationsfreundlich bewerten, sehen knapp die Hälfte der Teilnehmer das Klima als innovationsfeindlich.
 
Der Anstieg des Innovationsklimas im letzten Jahr wurde auf die allgemeine verhaltende Konjunkturerholung zurückgeführt. In diesem Jahr weicht die Bewertung des Innovationsklimas von der der Konjunkturentwicklung ab, die für Deutschland weiterhin positiv ausfällt. Wahrscheinlich spielen jetzt die Eurokrise in Europa und die allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der deutschen Politik in der Bewertung eine zunehmende Rolle. Beide Themen sorgen zumindest dafür, dass die langfristige Entwicklungsperspektive in Deutschland und Europa, die für das Innovationsklima wichtiger ist als für die Konjunkturentwicklung, wenn nicht negativ, dann doch wenigstens mit großer Unsicherheit behaftet ist.
 
Abb. 1: DABEI-Index 2012
 
 
Innovationswiderstände und –stärken
 
Beim diesjährigen Ranking der Innovationswiderstände von hohem zu niedrigem Einfluss kamen ähnliche Ergebnisse zustande wie beim Ranking im letzten Jahr (Abb. 2). Vier von den Top 5 der Innovationswiderstände aus 2012 waren auch in 2011 in den Top 5. Diese vier sind in absteigender Reihenfolge „kurzfristiges Wirtschaften / Shareholder Value-Gedanke“, „Besitzstandswahrung / Lobbyismus“, „unflexible Organisation / Abteilungsdenken“ sowie „Angst vor Veränderung“. Die Top 2 blieben sogar unverändert. Lediglich der Widerstand „zu viel Bürokratie“ viel aus den Top 5 auf Platz 7. Dafür kehrten die „Defizite der Bildungs-, Forschungs- und Transferpolitik“ wieder in die Top 5 zurück, die dort bereits in der Umfrage zum DABEI-Index 2010 auftauchten. Der Innovationswiderstand „zu wenig Unternehmergeist“ verfehlte mit Platz 6 knapp die Top 5, und auch „schlechte Führung“ befindet sich immer noch in den Top 10.
 
Abb. 2: Ranking der Innovationswiderstände 2012
 
Somit können die Schlussfolgerungen aus dem letzten Jahr übernommen werden, die hier noch einmal zusammengefasst wiedergegeben werden:
  • Innovation ist eine Investition in die Zukunft.
    Nur eine langfristige Perspektive ermöglicht die Schaffung von Innovationen, da Innovationsprojekte in beständiger Konfrontation mit dem Tagegeschäft und dem Quartalsdenken liegen.
  • Innovation bedeutet schöpferische Zerstörung.
    Die durch Innovationen ausgelösten Anpassungsprozesse im Wirtschaftsgeschehen dürfen nicht behindert, sondern müssen vorausschauend unterstützt werden.
  • Innovation braucht Risikobereitschaft, nicht Vollkaskomentalität.
    Das Innovationsgeschehen ist geprägt von Unsicherheiten und Risiken, die Mut und einen positiven Umgang mit Zufällen (serendipity) gepaart mit einer Orientierung am leistbaren Verlust (affordable loss) erfordern.
  • Innovation funktioniert anders als Produktion.
    Während die Produktion einen linearen Prozess mit klaren Input-Output-Relationen besitzt, entstehen Innovationen in nicht-linearen Prozessen mit vielen iterativen Schleifen, Fehlern und Zufällen.
  • Innovation heißt gestalten, nicht verwalten.
    Der Innovationsprozess erfordert es, bestehende Regeln zu brechen, auf denen bisher funktionierende Organisationen und Systeme beruhen, und ist somit nicht vereinbar mit überbordender Bürokratie.
  • Innovation braucht Entrepreneure und Intrapreneure.
    Für die Realisierung von Innovationen werden Menschen gebraucht, die mit neuen Geschäftsmodellen Unternehmen gründen oder die in bestehenden Unternehmen unternehmerisch agieren.
 
Auch in den Bottom 5, die die Innovationsstärken darstellen, gab es nur wenige Veränderungen. Vier der diesjährigen Innovationsstärken waren auch im letzten Jahr in den Bottom 5. Somit zählen auch dieses Jahr die Infrastruktur, das Wertesystem, das Patentwesen sowie das vorhandene Wissen zu den Stärken. Lediglich „Übersättigung“ ist neu hinzugekommen. Dies bedeutet, dass die Studienteilnehmer die deutsche Gesellschaft nicht am Ende der Lebenszykluskurve einordnen, sondern genug gesellschaftlichen Spielraum für Veränderungen sehen – wenn nur die Angst vor Veränderung als Widerstand in den Top 5 nicht wäre.
 
Die größte Veränderung in der Platzierung ergab sich beim Widerständ „Fehlendes Verantwortungsbewusstsein“, der um zehn Plätze von Platz 8 auf Platz 18 fiel. Im letzten Jahr war es um etwa den gleichen Betrag nach oben geschossen. Dafür ist „fehlende Kreativität“ um acht Plätze gestiegen.
 
Aufgrund der geringen Veränderungen können auch die gleichen Handlungsempfehlungen wie im letzten Jahr gegeben werde, die im Folgenden noch einmal kurz dargestellt sind:
  • Langfristig Werte schaffen – Vom Shareholder Value zum Shared Value
    Deutschland braucht mehr Führungskräfte, die einen „Shared Value“-Ansatz verfolgen, indem sie eine Ver­bindung zwischen wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt schaffen.
  • Bestehende Pfründe abbauen – Von verkrusteten Strukturen zu schöpferischer Zerstörung
    Deutschland muss verkrustete Strukturen aufbrechen und „schöpferische Zerstörung“ zulassen, um den dynamischen Fortschritt nicht zu blockieren.
  • Staatliche Regelwut bändigen – Von der Beamtenwirtschaft zu Lean Government
    Deutschland braucht eine schlanke Verwaltung, die Verschwendungen vermeidet und die richtigen An­reize für Unternehmertum setzt.
  • Innovationen fördern, nicht Inventionen – Vom High-Tech-Fokus zu Konzept-kreativen Geschäfts­model­len
    Deutschland braucht mehr Unternehmer, die Konzept-kreative Geschäftsmodelle entwickeln und um­setzen.
  • Innovationskultur etablieren – Von der Wissensgesellschaft zur Kreativgesellschaft
    Deutschland muss eine nationale Innovationskultur entwickeln, die den Wandel von der Wissens- zur Kreativgesellschaft beschleunigt.
  • Inventionen kapieren, nicht kopieren – Vom Inventor zum Imovator
    Deutschland braucht mehr Imovatoren, also intelligente Imitatoren, die die Erfindungen und For­schungsergebnisse anderer kapieren und mit optimiertem Kundennutzen auf den Markt bringen.
 
Die relative Stabilität der Innovationswiderstände über drei Jahre hinweg – auch die Ergebnisse im Jahr 2010 waren ähnlich – zeigen, dass sich das Innovationsklima eines Landes nur entsprechend langsam ändern lässt. Damit unterscheidet sich der Innovationsklima-Index deutlich von anderen Indizes, z.B. dem Konjunkturindex. DABEI überlegt daher, den Turnus der Erhebung zu verlängern, da eine Erhebung über mehrere offensichtlich ausreichend ist.
 
 
Fazit
 
Wenn man einen Frosch in kochendes Wasser wirft, hüpft er schnell wieder hinaus, weil es ihm zu heiß ist. Wenn man allerdings einen im Wasser sitzenden Frosch langsam erhitzt, so bleibt er auch in kochendem Wasser sitzen. Wie der DABEI-Innovationsklima-Index 2012 gezeigt hat, verändert sich das Innovationsklima – insbesondere die Innovationswiderstände und –stärken eines Landes – nur sehr langsam. Eine Innovationskultur lässt sich eben nicht über Nacht einführen.
 
Daher dürfen die Anstrengungen für ein positives Innovationsklima nicht nachlassen, damit Deutschland nicht dem „boiled frog“-Syndrom unterliegt: Langsame negative Veränderungen im Innovationsklima – z.B. im Bildungsbereich, bei verkrusteten Strukturen oder in der Unternehmerlandschaft – werden erst wahrgenommen, wenn es zu spät ist.
 
Diesem Ziel fühlt sich DABEI auch weiterhin verpflichtet. Um Sie nun aber nicht mit einem negativen Ausblick zu entlassen, haben wir Positivbeispiele für Innovationen aus dem DABEI-Umfeld als Case Studies zusammengestellt – darunter Gewinner des DABEI-Preises sowie des Nicolaus August Otto Preises für Innovation. Diese innovativen Underdogs, die das Potenzial zu Hidden Champions haben, zeigen uns, dass in Deutschland auch bei schlechtem Innovationsklima noch Innovationen möglich sind – und das nicht nur in Großkonzernen. Die ausführlichen Portraits der innovativen Underdogs finden Sie, wenn Sie den Links am Ende dieser Studie folgen. Sie mögen Ihnen als Mutmacher und Richtschnur dienen, sich selbst erfinderisch und unternehmerisch zu betätigen.
 
 
Positivbeispiele:
 
 
Literaturverzeichnis