Innovationsklima 2010 eher trübe

DABEI-Innovationsklima-Index 2010

 
Innovationswiderstände nehmen mit dem Grad der Innovation zu. Da Produkt- und Systeminnovationen immer die Widerstände der alten Produkte überwinden müssen („Old technologies fight back!“), spricht der Ökonom Joseph Alois Schumpeter in seinen Werken von „schöpferischer Zerstörung“. Innovationswiderstände verhindern Innovationen auf zweierlei Arten. Zum einen hemmen sie die Umsetzung des Innovationspotenzials aus Bildung und Erfindung in konkrete Innovationen. Zum anderen schwächen sie durch eine negative Rückkopplung dieses Innovationspotenzial. Wissen und Kreativität koppeln sich durch fehlende Umsetzung der Ideen quasi von der Realität ab und verkümmern im Verlauf der Zeit.
Die Deutsche Aktionsgemeinschaft Bildung-Erfindung-Innovation (DABEI) e.V. fokussiert mit ihren Maßnahmen auf den Abbau von Innovationswiderständen, um das vorhandene Innovationspotenzial Deutschlands freizusetzen. Über Innovationswiderstände ist bereits viel geschrieben worden. So berichtet z.B. die Wirtschaftswoche aus KW 34/2009, dass Deutschland ein mangelhaftes Bildungssystem aufgrund zu weniger Studenten, ein innovationsfeindliches Steuersystem und damit zu wenige High-Tech-Gründungen sowie zu geringe F&E-Mittel im internationalen Vergleich der hochindustriellen Länder hat. So nützlich solche Artikel für Einzelprobleme sein mögen, bieten sie doch nur Stückwerk und kein vollständiges Bild. Erst eine umfassende Analyse, die die Innovationswiderstände ganzheitlich betrachtet, erlaubt eine fundierte Diagnose, auf deren Basis eine konsequente Therapie und eine zukunftsorientierte Strategie für den Standort Deutschland entwickelt werden können.
 
 
Studienaufbau

DABEI führte daher – in Kooperation mit Deckert Management Consultants GmbH - eine Umfrage durch, um das Innovationsklima in Deutschland und die schädlichsten Innovationswiderstände empirisch zu erfassen. Der DABEI-Index misst das Innovationsklima in Deutschland. Damit sollte ermittelt werden, ob in Deutschland ein eher sonniges innovationsfreundliches oder ein eher regnerisches innovationsfeindliches Klima herrscht.
Außerdem sollten die wesentlichen Innovationswiderstände in Deutschland danach bewertet werden, ob sie einem sonnigen Klima entgegenstehen und bei Nichtbeachten direkt in die Klimakatastrophe führen. Die Innovationswiderstände wurden dazu in vier Kategorien gegliedert, die untereinander Interdependenzen aufweisen (siehe Abbildung 1):
  • Gesellschaftliche Widerstände: Die Gesellschaft ist die Gesamtheit der in Deutschland lebenden Personen und Personengruppen, deren Eigenschaften als Ganzes mehr sind als die Summe der Eigenschaften ihrer Individuen.
  • Politische Widerstände: In der Kategorie Politik werden alle gestaltenden Maßnahmen der politischen Organe in Deutschland zusammengefasst, die sich auf die Innovationskraft auswirken können.
  • Unternehmenswiderstände: Unternehmen sind die organisatorischen Einheiten der Erwerbswirtschaft, die Erfindungen teilweise selbst generieren oder Erfindungen freier Erfinder in Innovationen umsetzen.
  • Individuelle Widerstände: Neues Wissen und neue Ideen entstehen immer zuerst im Kopf eines einzelnen Menschen. Unter der Kategorie Individuum werden alle Innovationswiderstände zusammengefasst, die dem Einzelnen zuzuordnen sind.
Zur Durchführung der Studie wurde ein Fragebogen entwickelt, der über die Vereine Deutsche Aktionsgemeinschaft Bildung-Erfindung-Innovation (DABEI) e.V., Deutscher Erfinder-Verband (DEV) e.V. und Gründerzeit sowie über Industriekontakte der Deckert Management Consultants GmbH verbreitet wurde. Dadurch wurden über tausend Erfinder und Unternehmer angesprochen, von denen ein Rücklauf von knapp hundert Teilnehmern erzielt wurde.


Abb. 1: Innovationswiderstände

 
 
Innovationsklima-Index

Der DABEI-Index (siehe Abbildung 2) zeigt, dass das Innovationsklima in Deutschland leicht im innovationsfeindlichen Bereich liegt. Es ist zwar nicht besonders schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Der Meteorologe würde sagen „bedeckt“ oder „eher trübe“.
Dies spiegelt sich auch in der Antwortenverteilung der Teilnehmer wider: 47 % der abgegebenen Fragebögen bewerten das Klima als innovationsfeindlich, 23 % als innovationsfreundlich und 30 % als neutral.
Das Innovationsklima zeigt deutlichen Raum für Verbesserungen. Wo dieser liegt, zeigt die Bewertung der einzelnen Innovationswiderstände, die im Folgenden näher beschrieben werden.


Abb. 2: DABEI-Innovationsklima-Index 2010

 
 
Innovationswiderstände

Die Ergebnisse der Studie erlauben ein Ranking der Innovationswiderstände von hohem Einfluss bis zu niedrigem Einfluss (siehe Abbildung 3). Den größten Innovationswiderstand sehen die Teilnehmer der Studie in Besitzstandswahrung und Lobbyismus durch mächtige Personen und Gruppen. Ein Studienteilnehmer fordert dann auch die „Abschaffung perfider Lobby-Gesetze“. Damit führt ein gesellschaftlicher Widerstand das Ranking an.
Das kurzfristige Wirtschaften insbesondere nach dem Shareholder Value-Gedanken sowie die verfehlte Bildungs-, Forschungs- und Transferpolitik folgen mit fast gleicher Punktzahl auf Platz zwei und drei. Diese sind damit gleichzeitig die höchsten Widerstände in den Kategorien Unternehmen und Politik. Anschließend folgen zu wenig Unternehmergeist als höchster individueller Widerstand und unflexible Organisation / Abteilungsdenken.
Die Bildungspolitik wird in den Antworten der Fragebögen mehrmals in Bezug zum fehlenden Unternehmergeist gesetzt. Die Forderung „stärkerer Fokus auf selbständiges Unternehmertum schon in Schule und Universität“ taucht mehrmals in ähnlicher Form auf. Auch kommt die Verbindung von Unternehmertum und kurzfristigem Wirtschaften zum Ausdruck, z.B. in der Forderung „weg von dem Gedanken Leitung der Unternehmer durch Controller, hin zum Gedanken Leitung durch Unternehmer“ und ähnlichen Aussagen.
In Verbindung mit der verfehlten Forschungs- und Transferpolitik wird mehrmals eine verbesserte Innovationsförderung gefordert, z.B. durch Innovationspreise und „Leuchtturmprojekte“. Ein Studienteilnehmer wünscht sich in diesem Zusammenhang eine „verstärkte Förderung von Innovationen, nicht Inventionen; verstärkte Förderung der Realwirtschaft, nicht der Finanzwirtschaft“.
Unflexible Organisation und Abteilungsdenken kommen im Zusammenhang mit Besitzstandswahrung durch das „Not invented here“-Syndrom und das Ausbremsen neuer Ideen und Produkte zum Ausdruck. So beklagt ein Studienteilnehmer die „Blockadepolitik der Unternehmen gegen von außen kommende Ideen, weil sich Rechtsverletzungen und Aushungertaktiken noch mehr lohnen als sofortiger Zugriff auf Innovative Ideen“.


Abb. 3: Ranking der Innovationswiderstände

 
 
Innovationsstärken

Aus dem Ranking lassen sich aber nicht nur die Innovationswiderstände, sondern auch die Stärken des Standorts Deutschland bezüglich Innovation ablesen. Deutschland verfügt nach wie vor über eine sehr gute technische und soziale Infrastruktur, der mit Abstand die geringste innovationshemmende Wirkung bescheinigt wird.
Weitere stärken sind vorhandenes Wissen und Kreativität, während die Bildungspolitik als starker Innovationswiderstand gewertet wird. Dies könnte daran liegen, dass seit jeher generell das Wissen der eigenen Generation als gut bewertet wird, während das Wissen der nachfolgenden Generationen als unzureichend eingeschätzt wird. So sagte bereits Sokrates von der nachfolgenden Generation: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.“ Vieles von dem, was heute unter dem Schlagwort „Generation Doof“ läuft, ist allerdings besser als sein Ruf. Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass wir ein Problem mit der derzeitigen Bildungspolitik haben, wie z.B. die PISA-Studie oder die Studentenproteste zeigen. Auch ist nicht zu leugnen, dass unser Wissen und unsere Kreativität immer noch ein hohes Niveau haben.
Ein allgemeiner Werteverfall wird von den Studienteilnehmern nicht gesehen, und die Korruption wird trotz der jüngsten Unternehmensskandale in Deutschland als niedrig eingestuft. Dieses Ergebnis ist konform mit dem Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International, in dem Deutschland in den letzten zwei Jahren auf Platz 14 von 180 Ländern rangierte. Trotz des hohen Einflusses der Besitzstandswahrung wird keine Übersättigung in Deutschland gesehen, sodass die Lebenszykluskurve der deutschen Gesellschaft noch nicht am Ende zu sein scheint.
 
 
Widerstandkategorien

Die Widerstandskategorien wurden in der Gesamtauswertung ausgeglichen zwischen Individuum, Unternehmen, Politik und Gesellschaft bewertet mit durchschnittlichen Widerstandseinflüssen zwischen 3,2 und 3,4. Ein Vergleich von Studienteilnehmern, die das Innovationsklima innovationsfeindlich eingestuft haben (47 % der Teilnehmer), mit denen, die das Innovationsklima innovationsfreundlich eingestuft haben (23 % der Teilnehmer) zeigt jedoch einige interessante Unterschiede (siehe Abbildung 4).
Teilnehmer, die das Innovationsklima in Deutschland positiv einschätzen sehen die Widerstände eher beim Individuum als bei den Unternehmen, der Politik oder der Gesellschaft. Dagegen sehen Teilnehmer, die das Innovationsklima negativ einschätzen, die Widerstände vor allem bei den Unternehmen, aber auch bei der Politik und der Gesellschaft, aber weniger beim Individuum.
Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Aber es scheint so zu sein, dass die Rahmenbedingungen, die von den Unternehmen, der Politik und der Gesellschaft für das Individuum gesetzt werden, von den Teilnehmern mit innovationsfeindlicher Einschätzung als schwer wiegend bewertet werden. Dies kommt dann auch in Bemerkungen zum Ausdruck wie „Das Verhalten des Unternehmergeistes ist doch sehr stark von der aktuellen Politik abhängig“ oder „Rückkehr zur Authentizität, weg von verlogener, scheinheiliger Gesellschaftskultur“.


Abb. 4: Widerstandskaregorien

 
 
Fazit

Der Historiker Arnold J. Toynbee schreibt in seinem Werk „Der Gang der Weltgeschichte“: „Wachstum ist das Werk schöpferischer Persönlichkeiten“. Daher identifiziert er als einen wesentlichen Grund für den Niedergang von Gesellschaften das „Ausruhen auf den Lorbeeren“ bzw. die „Leidenschaft für die Vergangenheit“. Also das, was wir heute als Besitzstandswahrung und Lobbyismus bezeichnen würden. Man könnte es auch mit der provokanten Frage eines Studienteilnehmers umschreiben: „Dösen oder leben?“. Eine solche Einstellung führt dann unweigerlich zur Verdrängung der Probleme und zum Ausweichen auf Scheinprobleme, die der eigenen Bewahrung des Besitzstandes dienen. Insgesamt wird nach der Devise „Mehr Schein als Sein“ verfahren.
Ein historisches Beispiel dafür stellt die mittlerweile ausgestorbene Gesellschaft auf den Osterinseln dar. Diese baute trotz des Niedergangs ihrer Kultur bis zum Schluss die bekannten Statuen (genannt moai), die bis zu zehn Meter hoch waren. Und um dem ganzen die sprichwörtliche Krone aufzusetzen, schmückten sie diese abschließend mit Zylindern aus Rotschlacke (genannt pukao), die bis zu zwölf Tonnen schwer waren. Der amerikanische Wissenschaftler Jared Diamond schreibt dazu in seinem Buch „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“: „Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass sie als Ausdruck von Prahlerei errichtet wurden. Es ist als würden sie sagen: »Na gut, du kannst also eine Statue von neun Metern Höhe errichten, aber sieh mich an: Ich kann auf meine Statue noch diesen pukao von 12 Tonnen setzen; das musst du erst mal nachmachen, du Schwächling!«“. Wenn man sich einige der Bankentürme und Firmenhauptquartiere betrachtet, die vor der Krise errichtet wurde, so kann man sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass es sich hier ähnlich verhält.
Was ist nun zu tun? Sicherlich ist der – wahrscheinlich scherzhaft gemeinte – Ausspruch eines Teilnehmers „Englisch lernen und auswandern“ keine allgemeine Lösung. Vielmehr gilt es, die Innovationswiderstände zu überwinden. Dazu können zwei prinzipielle Pfade betreten werden:
Die Stärken stärken: Deutschland bewegt sich in einigen Bereichen immer noch auf einem hohen Niveau. Innovationsstärken wie Kreativität und Wissen, aber auch die gute Infrastruktur bieten einen Wettbewerbsvorsprung und sollten weiter ausgebaut und genutzt werden.
Mehr Mut zu Neuem: Besitzstandswahrung und Lobbyismus, gepaart mit kurzfristigem Wirtschaften, Defiziten der Bildungs-, Forschungs- und Transferpolitik sowie zu wenig Unternehmergeist, sind gravierende Probleme und klare Anzeichen für ein „Ausruhen auf den Lorbeeren“ der Vergangenheit. Anregungen, wie dem zu begegnen ist, hat die Studie zahlreiche geliefert. In einer Zeit, in der der Wandel allein das Beständige ist, muss Deutschland wieder mehr Mut für das Neue – Ideen, Inventionen und Innovationen – aufbringen, damit Deutschland eine lebenswerte Zukunft hat. Oder wie es der deutsche Professor und Erfinder Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger ausdrückt: „Innovationen geben der Zukunft eine Zukunft.“
 
Autoren:
Dr. Carsten Deckert, Geschäftsführender Vorstand von DABEI e.V.
Dr. Alexander Kantner, Präsident von DABEI e.V.

Download der Studienergebnisse:
Sonderdruck "Innovationsklima in Deutschland" aus dem Deckert Management Report, Frühjahr 2010